Wohl kaum ein anderer Ortsteil hat sein äußeres Erscheinungsbild im Laufe der Zeit so stark verändert wie der nördlichste Wittener Ortsteil Stockum. Stockum entwickelte sich im Mittelalter zu einem durchweg landwirtschaftlich geprägten Dorf. Insgesamt 27 Höfe sind in einer Steuerliste aus dem Jahr 1688 namentlich genannt.

Die Gerdesstraße, die erste gepflasterte Straße, war einst Mittelpunkt des Dorfes. Früher gruppierten sich etliche Bauernhäuser um die dortige Gildstelle. Dort befanden sich unter anderem das alte Amtshaus, die erste Schule, die erste Poststelle sowie eine Gaststätte und eine Lohgerberei.

Der Bergbau war bereits im 18. Jahrhundert zum „zweiten Standbein“ der in der Region ansässigen Bauern geworden. Schon 1752 wurde Stockum als Ort für den Kohleabbau erwähnt. Ab dem 19. Jahrhundert wurde vor allem auf dem Steinberg der Bergbau vorangetrieben. Die ursprünglichen Kleinzechen schlossen sich zur Zeche Walfisch zusammen. Die Kohle wurde zu großen Teilen zur Glasfabrik der Gebrüder Müllensiefen am Crengeldanz transportiert.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte eine Zusammenlegung der Zeche Walfisch mit der Zeche Franziska in Witten, bald darauf auch mit der Zeche Hamburg in Annen. 1925 stellte die Schachtanlage Hamburg & Franziska ihren Betrieb mit den angeschlossenen Zechen Ringeltaube und Walfisch ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Stockum in Kleinzechen noch bis 1972 Restkohle abgebaut.

Die Besiedlung des Gebietes war zunächst noch recht zögerlich angelaufen. Die beginnende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts bewirkte aber immer mehr den Zuzug von neuen Arbeitskräften. Aus dem ehemaligen Bauerndorf entwickelte sich nach und nach ein Bergbauarbeiterdorf, dessen Bewohner auch auf den Zechen umliegender Orte Beschäftigung fanden.

Ab dem Jahre 1840 veränderte sich das Dorfbild Stockums: Entlang der Hörder Straße und des Stockumer Bruchs entstanden neue, kleinere Ansiedlungen; nach dem Ersten Weltkrieg kamen weitere in Richtung Annen dazu.

Doch erst in letzten Jahrzehnten erfuhr Stockum größere Veränderungen, die den einstigen, reinen Dorfcharakter in den Hintergrund drängten. Die meisten Bauernhöfe verschwanden nach und nach. Das Dorf veränderte sein Gesicht. Drei Betriebe im Ort werden heute noch im Vollerwerb bewirtschaftet und etwa 62 Prozent der Fläche werden landwirtschaftlich genutzt.

Mit Beginn der 1960er und 1980er Jahre entstanden Neubaugebiete nördlich der Hörder Straße. Stockum-Nord wurde geboren. Ganze Siedlungen wurden aus dem Boden gestampft. Um den ehemaligen dörflichen Charakter zu dokumentieren, wurden einige Straßen nach ehemaligen Bauernhöfen benannt, wie z. B. Kellerhoff-, Gröpper-, Pleuger- und Paßmannstraße. Die Himmelohstraße wurde verkehrsberuhigt ausgebaut, und viele junge Familien mit Kindern zog es hierher.

Der „Kudamm von Stockum“ – die Hörder Straße –, erst 1790 als „Chaussee“ von Stockum nach Eichlinghofen gebaut, ist zu einer belebten Verkehrsader geworden. An dieser Hauptstraße liegen die meisten prägnanten Bauwerke wie die evangelische Kirche und das katholische Gotteshaus.

Durch den Wegfall der Gewerbebetriebe Wellershoff und Achim Mohn entstand die neueste Siedlung im Stockumer Süden: der Rosenthalring, benannt nach der jüdischen Familie Rosenthal.

Seinen dörflichen Charakter hat Stockum jedoch trotz dieser gravierenden Veränderungen nicht verloren.

Wer sich heute in Richtung Am Katteloh, Mühlenstraße, Stockumer Bruch oder Tiefendorf bewegt, ist von der Vielzahl der landwirtschaftlich oder von Reiterhöfen genutzten Flächen überrascht und freut sich bei einem Spaziergang durch das Dorney über die dort stehenden mächtigen Buchen.
Foto: Archiv Heimatfreunde Stockum/Düren